Pressemitteilung
VISTA entdeckt neue Komponente der Milchstraße
28. Oktober 2015
Astronomen haben mit dem VISTA-Teleskop am Paranal-Observatorium der ESO einen bisher unbekannten Teil der Milchstraße entdeckt. Bei der Kartierung der Positionen einer Klasse von Sternen, die in der Helligkeit variieren und als Cepheiden bezeichnet werden, ist eine Scheibe aus jungen Sternen, die hinter dicken Staubwolken im zentralen Bulge verborgen waren, entdeckt worden.
Vista Variables in the Vía Láctea (VVV) [1] ist eine öffentliche Durchmusterung der ESO, die das VISTA-Teleskop am Paranal-Observatorium nutzt, um eine Vielzahl von Bildern zu unterschiedlichen Zeiten von den zentralen Bereichen der Galaxie bei infraroten Wellenlängen aufzunehmen [2]. Mit ihr wurden bereits eine Vielzahl neuer Objekte entdeckt, einschließlich veränderlicher Sterne, Sternhaufen und explodierender Sterne (eso1101, eso1128, eso1141).
Ein Astronomenteam unter der Leitung von Istvan Dékány von der Pontificia Universidad Católica de Chile wertete nun Daten aus dieser Durchmusterung aus, die zwischen 2010 und 2014 gesammelt wurden, und stieß dabei auf etwas Außergewöhnliches – eine bisher unbekannte Komponente unserer Heimatgalaxie, der Milchstraße.
„Vom zentralen Bulge der Milchstraße wird angenommen, dass er aus einer enormen Anzahl alter Sterne besteht. Die VISTA-Daten haben jedoch etwas Neues zu Tage gebracht – und für astronomische Maßstäbe etwas sehr Junges!“ erläutert Istvan Dékány, der auch Erstautor des Fachartikels ist, in dem die neuen Ergebnisse beschrieben werden.
Bei der Auswertung der Daten der Durchmusterung fanden die Astronomen 655 Kandidaten für veränderliche Sterne einer Klasse, die als Cepheiden bezeichnet wird. Diese Sterne dehnen sich periodisch aus und schrumpfen wieder. Sie benötigen für einen kompletten Zyklus zwischen wenige Tage bis wenige Monate, währenddessen ändert sich ihre Helligkeit deutlich.
Die Zeit, die ein Cepheid benötigt, um aufzuleuchten und wieder zu verblassen, ist für die helleren Cepheiden länger und für die dunkleren kürzer. Dieser außergewöhnlich klare Zusammenhang, der 1908 von der US-amerikanischen Astronomin Henrietta Swan Leavitt entdeckt wurde, führt dazu, dass die Beobachtung von Cepheiden eine der effektivsten Arten darstellt, die Distanz und damit auch die räumliche Position zu entfernten Objekten in der Milchstraße und darüber hinaus zu messen.
Allerdings gibt es einen Haken – Cepheiden sind nicht alle gleich. Es gibt sie in zwei Hauptklassen, eine deutlich jünger als die andere. Von 655 Cepheiden identifizierte das Team 35 Sterne, die zur Unterklasse der klassischen Cepheiden gehören – junge helle Sterne, die sich von den üblichen Exemplaren deutlich unterscheiden, die um einiges älter und typischerweise im zentralen Bulge-Bereich der Milchstraße angesiedelt sind.
Das Team sammelte Informationen über die Helligkeit und Pulsationsperiode und zog Rückschlüsse auf die Entfernung dieser 35 klassischen Cepheiden. Die Pulsationsperiode, die in direktem Zusammenhang mit ihrem Alter steht, brachte ihre überraschende Jugend zu Tage.
„Alle 35 klassischen Cepheiden, die entdeckt wurden, sind weniger als 100 Millionen Jahre alt. Die jüngsten dürften gerade einmal etwa 25 Millionen Jahre alt sein, wenngleich wir nicht ausschließen können, dass es dort möglicherweise noch jüngere und hellere Cepheiden gibt“, erklärt der Zweitautor der Arbeit, Dante Minniti, von der Universidad Andres Bello in Santiago de Chile.
Das Alter dieser klassischen Cepheiden liefert stichhaltige Beweise, dass es über die letzten 100 Millionen Jahre hinweg einen bislang unbestätigten, beständigen Vorrat an neu entstandenen Sternen innerhalb des Zentralbereichs der Milchstraße gegeben haben muss. Allerdings sollte dies nicht die einzige außergewöhnliche Entdeckung in den Datensätzen der Durchmusterung darstellen.
Bei der Kartierung der Cepheiden, die das Team entdeckt hat, stieß es auf eine völlig neue Besonderheit in der Milchstraße – eine dünne Scheibe junger Sterne quer durch den galaktischen Bulge. Dieser neue Bestandteil unserer Heimatgalaxie blieb für vorhergehende Durchmusterungen unsichtbar, da er hinter dicken Wolken aus Staub verborgen war. Seine Entdeckung zeigt das einzigarte Leistungsvermögen von VISTA, das entworfen wurde, um die tiefen Strukturen der Milchstraße mithilfe von hochauflösender Weitwinkel-Bildgebung im infraroten Wellenlängenbereich zu untersuchen.
„Diese Beobachtung ist eine beeindruckende Demonstration der unübertroffenen Fähigkeiten des VISTA-Teleskops, die extrem stark abgedunkelten galaktischen Regionen zu untersuchen, die von keiner anderen gegenwärtigen oder geplanten Durchmusterung erreicht werden können“ ,merkt Dékány an.
„Dieser Bereich der Galaxis war bis zur Entdeckung durch unsere VVV-Durchmusterung völlig unbekannt!“ fügt Minniti hinzu.
Weitere Untersuchungen sind jetzt nötig, um beurteilen zu können, ob die Cepheiden in etwa dort geboren wurden, wo sie sich heute befinden, oder ob sie von weiter außerhalb stammen. Das Verständnis über ihre grundlegenden Eigenschaften, Wechselwirkungen und ihre Entwicklung ist entscheidend in dem Bestreben, die Entwicklung der Milchstraße und den Prozess der Galaxienentwicklung als Ganzes zu verstehen.
Endnoten
[1] Die VVV-Durchmusterung beobachtet die Zentralbereiche unserer Galaxie in fünf nahinfraroten Bändern. Die Gesamtfläche der Durchmusterung beträgt 520 Quadratgrad und enthält mindestens 355 offene und 33 Kugelsternhaufen. VVV macht zu unterschiedlichen Zeiten Aufnahmen, um eine Vielzahl veränderlicher Objekte erfassen zu können, und wird mehr als 100 in regelmäßigen Zeitabständen durchgeführte Beobachtungen für jeden Teil des Himmels liefern, der durch die Durchmusterung abgedeckt ist. Zu erwarten ist ein Katalog aus über einer Milliarde Punktquellen, einschließlich etwa einer Millionen veränderlicher Objekte. Daraus wird eine dreidimensionale Karte des Bulge-Bereichs der Milchstraßengalaxie entstehen.
[2] Die Staubwolken im interstellaren Raum absorbieren und streuen sichtbares Licht sehr effizient und machen sie dadurch undurchsichtig. Für höhere Wellenlängen, wie etwa denen, die durch VISTA beobachtet werden, sind die Wolken deutlich lichtdurchlässiger, was es erlaubt, die Regionen hinter dem Staub zu untersuchen.
Weitere Informationen
Die hier vorgestellten Forschungsergebnisse von I. Dékány et al. sind unter dem Titel „The VVV Survey reveals classical Cepheids tracing a young and thin stellar disk across the Galaxy’s bulge ” in den Astrophysical Journal Letters erschienen.
Die beteiligten Wissenschaftler sind I. Dékány (Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile; Pontificia Universidad Católica de Chile, Santiago), D. Minniti (Universidad Andres Bello, Santiago, Chile; Instituto Milenio de Astrofísica MAS und Basal CATA, Santiago, Chile; und Vaticansternwarte, Vatikanstadt), D. Majaess (Saint Mary’s University, Halifax, Nova Scotia, Kanada; Mount Saint Vincent University, Halifax, Nova Scotia, Kanada) , M. Zoccali (Pontificia Universidad Católica de Chile, Santiago; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile), G. Hajdu (Pontificia Universidad Católica de Chile, Santiago; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile), J. Alonso-García (Universidad de Antofagasta, Antofagasta, Chile; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile), M. Catelan (Pontificia Universidad Católica de Chile, Santiago, Chile; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile), W. Gieren (Universidad de Concepción, Concepción, Chile; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile) und J. Borissova (Universidad de Valparaíso, Valparaíso, Chile; Instituto Milenio de Astrofísica, Santiago, Chile).
Die Europäische Südsternwarte (engl. European Southern Observatory, kurz ESO) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch 16 Länder: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und die Tschechische Republik. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO verfügt über drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Chile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist einer der Hauptpartner bei ALMA, dem größten astronomischen Projekt überhaupt. Auf dem Cerro Armazones unweit des Paranal errichtet die ESO zur Zeit das European Extremely Large Telescope (E-ELT) mit 39 Metern Durchmesser, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird.
Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.
Links
Kontaktinformationen
Istvan Dékány
Instituto Milenio de Astrofísica, Pontificia Universidad Católica de Chile
Santiago, Chile
E-Mail: idekany@astro.puc.cl
Dante Minniti
Universidad Andres Bello
Santiago, Chile
Tel: +56 2 2661 8732
E-Mail: dante@astrofisica.cl
Daniel Majaess
Saint Mary’s University, Mount Saint Vincent University
Halifax, Canada
E-Mail: dmajaess@ap.smu.ca
Richard Hook
ESO Public Information Officer
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 3200 6655
Mobil: +49 151 1537 3591
E-Mail: rhook@eso.org
Markus Nielbock (Pressekontakt Deutschland)
ESO Science Outreach Network
und Haus der Astronomie
Heidelberg, Deutschland
Tel: +49 6221 528-134
E-Mail: eson-germany@eso.org
Über die Pressemitteilung
Pressemitteilung Nr.: | eso1542de |
Name: | Milky Way |
Typ: | Milky Way |
Facility: | Visible and Infrared Survey Telescope for Astronomy |
Science data: | 2015ApJ...812L..29D |
Our use of Cookies
We use cookies that are essential for accessing our websites and using our services. We also use cookies to analyse, measure and improve our websites’ performance, to enable content sharing via social media and to display media content hosted on third-party platforms.
ESO Cookies Policy
The European Organisation for Astronomical Research in the Southern Hemisphere (ESO) is the pre-eminent intergovernmental science and technology organisation in astronomy. It carries out an ambitious programme focused on the design, construction and operation of powerful ground-based observing facilities for astronomy.
This Cookies Policy is intended to provide clarity by outlining the cookies used on the ESO public websites, their functions, the options you have for controlling them, and the ways you can contact us for additional details.
What are cookies?
Cookies are small pieces of data stored on your device by websites you visit. They serve various purposes, such as remembering login credentials and preferences and enhance your browsing experience.
Categories of cookies we use
Essential cookies (always active): These cookies are strictly necessary for the proper functioning of our website. Without these cookies, the website cannot operate correctly, and certain services, such as logging in or accessing secure areas, may not be available; because they are essential for the website’s operation, they cannot be disabled.
Functional Cookies: These cookies enhance your browsing experience by enabling additional features and personalization, such as remembering your preferences and settings. While not strictly necessary for the website to function, they improve usability and convenience; these cookies are only placed if you provide your consent.
Analytics cookies: These cookies collect information about how visitors interact with our website, such as which pages are visited most often and how users navigate the site. This data helps us improve website performance, optimize content, and enhance the user experience; these cookies are only placed if you provide your consent. We use the following analytics cookies.
Matomo Cookies:
This website uses Matomo (formerly Piwik), an open source software which enables the statistical analysis of website visits. Matomo uses cookies (text files) which are saved on your computer and which allow us to analyze how you use our website. The website user information generated by the cookies will only be saved on the servers of our IT Department. We use this information to analyze www.eso.org visits and to prepare reports on website activities. These data will not be disclosed to third parties.
On behalf of ESO, Matomo will use this information for the purpose of evaluating your use of the website, compiling reports on website activity and providing other services relating to website activity and internet usage.
Matomo cookies settings:
Additional Third-party cookies on ESO websites: some of our pages display content from external providers, e.g. YouTube.
Such third-party services are outside of ESO control and may, at any time, change their terms of service, use of cookies, etc.
YouTube: Some videos on the ESO website are embedded from ESO’s official YouTube channel. We have enabled YouTube’s privacy-enhanced mode, meaning that no cookies are set unless the user actively clicks on the video to play it. Additionally, in this mode, YouTube does not store any personally identifiable cookie data for embedded video playbacks. For more details, please refer to YouTube’s embedding videos information page.
Cookies can also be classified based on the following elements.
Regarding the domain, there are:
- First-party cookies, set by the website you are currently visiting. They are stored by the same domain that you are browsing and are used to enhance your experience on that site;
- Third-party cookies, set by a domain other than the one you are currently visiting.
As for their duration, cookies can be:
- Browser-session cookies, which are deleted when the user closes the browser;
- Stored cookies, which stay on the user's device for a predetermined period of time.
How to manage cookies
Cookie settings: You can modify your cookie choices for the ESO webpages at any time by clicking on the link Cookie settings at the bottom of any page.
In your browser: If you wish to delete cookies or instruct your browser to delete or block cookies by default, please visit the help pages of your browser:
Please be aware that if you delete or decline cookies, certain functionalities of our website may be not be available and your browsing experience may be affected.
You can set most browsers to prevent any cookies being placed on your device, but you may then have to manually adjust some preferences every time you visit a site/page. And some services and functionalities may not work properly at all (e.g. profile logging-in, shop check out).
Updates to the ESO Cookies Policy
The ESO Cookies Policy may be subject to future updates, which will be made available on this page.
Additional information
For any queries related to cookies, please contact: pdprATesoDOTorg.
As ESO public webpages are managed by our Department of Communication, your questions will be dealt with the support of the said Department.