Pressemitteilung
Geheimnis des Gewichtsverlusts eines alternden Sterns enthüllt
Riesenstern beim Abnehmen auf frischer Tat ertappt
25. November 2015
Astronomen ist mit dem Very Large Telescope (VLT) der ESO die bisher detailreichste Aufnahme des Hyperriesensterns VY Canis Majoris gelungen. Die Beobachtungen zeigen, wie unerwartet große Staubteilchen, die den Stern umgeben, es ihm ermöglichen, eine gewaltige Menge an Masse zu verlieren, sobald er zu sterben beginnt. Dieser Prozess, der damit jetzt endlich verstanden wurde, ist für solch gewaltige Sterne notwendig, um sie auf ihren explosiven Untergang als Supernovae vorzubereiten.
VY Canis Majoris ist ein stellarer Goliath, ein roter Hyperriese, einer der größten bekannten Sterne in der Milchstraße. Er besitzt die 30- bis 40-fache Masse der Sonne und ist 300.000 Mal leuchtkräftiger. In seinem derzeitigen Zustand würde der Stern die Umlaufbahn von Jupiter umfassen, da er sich in den letzten Phasen seines Lebens enorm ausgedehnt hat.
Die neuen Beobachtungen dieses Sterns wurden mit dem SPHERE-Instrument am VLT durchgeführt. Das System Adaptiver Optik des Instruments korrigiert Bilder deutlich besser als frühere Adaptive Optiksysteme. Das ermöglicht es, Strukturen, die sehr nah an der hellen Lichtquelle liegen, detailliert beobachten zu können [1]. SPHERE zeigte deutlich, wie das hellleuchtende Licht von VY Canis Majoris Materiewolken aufleuchten lässt, die ihn umgeben.
Mit dem ZIMPOL-Modus von SPHERE konnten die Astronomen nicht nur tiefer in das Zentrum der Wolke aus Gas und Staub um den Stern hineinspähen, sondern konnten auch beobachten, wie das Sternenlicht durch die umgebende Materie gestreut und polarisiert wurde. Diese Messungen waren für die schwierige Bestimmung der Eigenschaften der Staubteilchen entscheidend.
Gründliche Auswertungen der Polarisationsmessergebnisse ergaben, dass diese Staubkörner mit einem Durchmesser von 0,5 Mikrometern vergleichsweise großen Partikeln entsprechen, was zwar winzig erscheinen mag, allerdings sind Körner dieser Größe etwa 50 Mal größer als die Staubteilchen, die sonst im interstellaren Raum gefunden wurden.
Während sie sich ausdehnen, verlieren massereiche Sterne große Mengen an Materie – jedes Jahr stößt VY Canis Majoris das 30-fache der Erdmasse von seiner Oberfläche in Form von Staub und Gas aus. Diese Materiewolke wird weiter nach außen gedrückt, bevor der Stern schließlich explodiert und ein Teil des Staubs vernichtet wird, während der Rest in den interstellaren Raum geschleudert wird. Diese Materie kann dann zusammen mit schwereren Elementen, die während der Supernovaexplosion entstanden sind, von der nächsten Generation an Sternen für die Entstehung von Planeten genutzt werden.
Wie die Materie in der oberen Atmosphäre in den Weltraum gestoßen wird, bevor der Stern explodiert, blieb lange ein Geheimnis – bis jetzt. Am ehesten schien als mögliche Erklärung der Strahlungsdruck in Frage zu kommen, also die Kraft, die vom Sternenlicht ausgeübt wird. Da dieser Druck sehr schwach ist, sind die großen Staubkörner für diesen Prozess unerlässlich, da sonst die Oberfläche nicht ausreicht, um einen nennenswerten Effekt herbeizuführen [2].
„Massereiche Sterne leben ein kurzes Leben”, erläutert Peter Scicluna vom Academia Sinica Institute for Astronomy and Astrophysics in Taiwan, der Erstautor des Fachartikels. „Wenn ihre letzten Tage gekommen sind, verlieren sie viel Masse. In der Vergangenheit konnten wir nur Vermutungen darüber aufstellen, wie das genau geschieht. Mit den neuen SPHERE-Daten haben wir jetzt aber große Staubkörner um den Hyperriesen gefunden. Sie sind groß genug, um vom starken Strahlungsdruck des Sterns weggestoßen zu werden, was den schnellen Massenverlust des Sterns erklärt.“
Das Vorhandensein solch großer Staubkörner, die so nah am Stern beobachtet werden konnten, bedeutet, dass die Wolke tatsächlich das sichtbare Licht des Sterns streuen und durch den Strahlungsdruck vom Stern weggestoßen werden kann. Durch die Größe der Staubkörner dürfte ein Teil davon die Strahlung, die durch den dramatischen Tod von Canis Majoris als Supernova entsteht, wahrscheinlich überleben [3]. Der Staub vermischt sich dann mit der interstellaren Materie in der Umgebung, was die Entstehung zukünftiger Generationen an Sternen fördert, und animiert diese Sterne dazu, Planeten zu bilden.
Endnoten
[1] SPHERE/ZIMPOL verwendet fortschrittlichste Adaptive Optik, um beugungsbegrenzte Abbildungen zu erstellen, die der theoretischen Grenze der Teleskope, die man nur erreichen könnte, wenn die Erdatmosphäre nicht vorhanden wäre, deutlich näher kommt als frühere Instrumente mit Adaptiver Optik. Diese Art der Adaptiven Optik ermöglicht es auch, deutlich lichtschwächere Objekte zu beobachten, die sich sehr nah an einem hellen Stern befinden.
Die Bilder dieser neuen Studie wurden zudem im sichtbaren Licht aufgenommen – also bei kürzeren Wellenlängen als im Nahinfrarotbereich, in dem frühere Bildgebungen mit Adaptiver Optik meistens durchgeführt wurden. Diese zwei Faktoren führen zu deutlich schärferen Bildern als frühere VLT-Bilder. Eine höhere räumliche Auflösung konnte mit dem VLTI erreicht werden, allerdings können mit dem Interferometer Bilder nicht direkt aufgenommen werden.
[2] Die Staubteilchen müssen groß genug sein, damit das Sternlicht sie wegstoßen kann, allerdings dürfen sie nicht so groß sein, dass sie einfach auf den Stern zurücksinken. Wenn sie zu klein sind, würde das Sternlicht gewissermaßen durch den Staub hindurchgehen; wenn sie zu groß sind, wäre der Staub zu schwer, um ihn wegzustoßen. Der Staub, den die Astronomen um VY Canis Majoris beobachtet haben, hat genau die richtige Größe, um vom Sternlicht am effektivsten nach außen getrieben zu werden.
[3] In astronomischen Maßstäben betrachtet, wird die Explosion schon sehr bald stattfinden, allerdings gibt es keinen Grund zur Sorge, da dieses dramatische Ereignis in den nächsten Hunderttausenden von Jahren nicht wahrscheinlich ist. Von der Erde aus betrachtet wird es sich um ein beeindruckendes Ereignis handeln – möglicherweise so hell wie der Mond – wird aber keine Bedrohung für das Leben hier darstellen.
Weitere Informationen
Die hier präsentierten Forschungsergebnisse von P. Scicluna et al. sind unter dem Titel „Large dust grains in the wind of VY Canis Majoris” in der Fachzeitschrift Astronomy & Astrophysics erschienen.
Die beteiligten Wissenschaftler sind P. Scicluna (Academia Sinica Institute for Astronomy and Astrophysics, Taiwan), R. Siebenmorgen (ESO, Garching), J. Blommaert (Vrije Universiteit, Brüssel, Belgien), M. Kasper (ESO, Garching), N.V. Voshchinnikov (Universität St. Petersburg, Russland), R. Wesson (ESO, Santiago, Chile) und S. Wolf (Universität Kiel).
Die Europäische Südsternwarte (engl. European Southern Observatory, kurz ESO) ist die führende europäische Organisation für astronomische Forschung und das wissenschaftlich produktivste Observatorium der Welt. Getragen wird die Organisation durch 16 Länder: Belgien, Brasilien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Spanien, Schweden, die Schweiz und die Tschechische Republik. Die ESO ermöglicht astronomische Spitzenforschung, indem sie leistungsfähige bodengebundene Teleskope entwirft, konstruiert und betreibt. Auch bei der Förderung internationaler Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Astronomie spielt die Organisation eine maßgebliche Rolle. Die ESO verfügt über drei weltweit einzigartige Beobachtungsstandorte in Chile: La Silla, Paranal und Chajnantor. Auf dem Paranal betreibt die ESO mit dem Very Large Telescope (VLT) das weltweit leistungsfähigste Observatorium für Beobachtungen im Bereich des sichtbaren Lichts und zwei Teleskope für Himmelsdurchmusterungen: VISTA, das größte Durchmusterungsteleskop der Welt, arbeitet im Infraroten, während das VLT Survey Telescope (VST) für Himmelsdurchmusterungen ausschließlich im sichtbaren Licht konzipiert ist. Die ESO ist einer der Hauptpartner bei ALMA, dem größten astronomischen Projekt überhaupt. Auf dem Cerro Armazones unweit des Paranal errichtet die ESO zur Zeit das European Extremely Large Telescope (E-ELT) mit 39 Metern Durchmesser, das einmal das größte optische Teleskop der Welt werden wird.
Die Übersetzungen von englischsprachigen ESO-Pressemitteilungen sind ein Service des ESO Science Outreach Network (ESON), eines internationalen Netzwerks für astronomische Öffentlichkeitsarbeit, in dem Wissenschaftler und Wissenschaftskommunikatoren aus allen ESO-Mitgliedsländern (und einigen weiteren Staaten) vertreten sind. Deutscher Knoten des Netzwerks ist das Haus der Astronomie in Heidelberg.
Links
Kontaktinformationen
Peter Scicluna
Academia Sinica Institute for Astronomy and Astrophysics
Taiwan
Tel: +886 (02) 2366 5420
E-Mail: peterscicluna@asiaa.sinica.edu.tw
Richard Hook
ESO Public Information Officer
Garching bei München, Germany
Tel: +49 89 3200 6655
Mobil: +49 151 1537 3591
E-Mail: rhook@eso.org
Rodrigo Alvarez (Pressekontakt Belgien)
ESO Science Outreach Network
und Planetarium, Royal Observatory of Belgium
Tel: +32-2-474 70 50
E-Mail: eson-belgium@eso.org
Über die Pressemitteilung
Pressemitteilung Nr.: | eso1546de-be |
Name: | VY Canis Majoris |
Typ: | Milky Way : Star : Evolutionary Stage : Red Supergiant |
Facility: | Very Large Telescope |
Instruments: | SPHERE |
Science data: | 2015A&A...584L..10S |
Our use of Cookies
We use cookies that are essential for accessing our websites and using our services. We also use cookies to analyse, measure and improve our websites’ performance, to enable content sharing via social media and to display media content hosted on third-party platforms.
ESO Cookies Policy
The European Organisation for Astronomical Research in the Southern Hemisphere (ESO) is the pre-eminent intergovernmental science and technology organisation in astronomy. It carries out an ambitious programme focused on the design, construction and operation of powerful ground-based observing facilities for astronomy.
This Cookies Policy is intended to provide clarity by outlining the cookies used on the ESO public websites, their functions, the options you have for controlling them, and the ways you can contact us for additional details.
What are cookies?
Cookies are small pieces of data stored on your device by websites you visit. They serve various purposes, such as remembering login credentials and preferences and enhance your browsing experience.
Categories of cookies we use
Essential cookies (always active): These cookies are strictly necessary for the proper functioning of our website. Without these cookies, the website cannot operate correctly, and certain services, such as logging in or accessing secure areas, may not be available; because they are essential for the website’s operation, they cannot be disabled.
Functional Cookies: These cookies enhance your browsing experience by enabling additional features and personalization, such as remembering your preferences and settings. While not strictly necessary for the website to function, they improve usability and convenience; these cookies are only placed if you provide your consent.
Analytics cookies: These cookies collect information about how visitors interact with our website, such as which pages are visited most often and how users navigate the site. This data helps us improve website performance, optimize content, and enhance the user experience; these cookies are only placed if you provide your consent. We use the following analytics cookies.
Matomo Cookies:
This website uses Matomo (formerly Piwik), an open source software which enables the statistical analysis of website visits. Matomo uses cookies (text files) which are saved on your computer and which allow us to analyze how you use our website. The website user information generated by the cookies will only be saved on the servers of our IT Department. We use this information to analyze www.eso.org visits and to prepare reports on website activities. These data will not be disclosed to third parties.
On behalf of ESO, Matomo will use this information for the purpose of evaluating your use of the website, compiling reports on website activity and providing other services relating to website activity and internet usage.
Matomo cookies settings:
Additional Third-party cookies on ESO websites: some of our pages display content from external providers, e.g. YouTube.
Such third-party services are outside of ESO control and may, at any time, change their terms of service, use of cookies, etc.
YouTube: Some videos on the ESO website are embedded from ESO’s official YouTube channel. We have enabled YouTube’s privacy-enhanced mode, meaning that no cookies are set unless the user actively clicks on the video to play it. Additionally, in this mode, YouTube does not store any personally identifiable cookie data for embedded video playbacks. For more details, please refer to YouTube’s embedding videos information page.
Cookies can also be classified based on the following elements.
Regarding the domain, there are:
- First-party cookies, set by the website you are currently visiting. They are stored by the same domain that you are browsing and are used to enhance your experience on that site;
- Third-party cookies, set by a domain other than the one you are currently visiting.
As for their duration, cookies can be:
- Browser-session cookies, which are deleted when the user closes the browser;
- Stored cookies, which stay on the user's device for a predetermined period of time.
How to manage cookies
Cookie settings: You can modify your cookie choices for the ESO webpages at any time by clicking on the link Cookie settings at the bottom of any page.
In your browser: If you wish to delete cookies or instruct your browser to delete or block cookies by default, please visit the help pages of your browser:
Please be aware that if you delete or decline cookies, certain functionalities of our website may be not be available and your browsing experience may be affected.
You can set most browsers to prevent any cookies being placed on your device, but you may then have to manually adjust some preferences every time you visit a site/page. And some services and functionalities may not work properly at all (e.g. profile logging-in, shop check out).
Updates to the ESO Cookies Policy
The ESO Cookies Policy may be subject to future updates, which will be made available on this page.
Additional information
For any queries related to cookies, please contact: pdprATesoDOTorg.
As ESO public webpages are managed by our Department of Communication, your questions will be dealt with the support of the said Department.